Nana Kintz: Zugang zur Kunst für alle - »Pilot Inklusion« in Hamburg

13.12.2017

Ausgehend von unserem LAG-Thema »Kultur ist Vielfalt« und auch angestoßen von der neuen barrierefreien Sammlungspräsentation in der Berlinischen Galerie fragte ich mich, wie es denn eigentlich um die Barrierefreiheit in Hamburg steht, insbesondere in den Kunstmuseen. Immerhin nahm das Museum für Kunst und Gewerbe gerade fast heimlich als einziges Hamburger Museum an der Initiative »Pilot Inklusion« teil. Auf der Fachtagung »Für eine inklusive Gesellschaft. Diversität und das Museum von morgen« wurden letzte Woche in Bonn die Ergebnisse des dreijährigen Förderprojekts vorgestellt und diskutiert. Die Abschlusspublikation dazu ist online barrierefrei zugänglich. Im Gespräch mit Dr. Manuela van Rossem und Friederike Fankhänel von der Vermittlungsabteilung des MKG wollte ich wissen, was »Pilot Inklusion« genau ist und wie dieses Museum Barrierefreiheit denkt.

»Pilot Inklusion« wurde initiiert von der Bundeskunsthalle Bonn unter Beteiligung der Klassik Stiftung Weimar, des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, dem Augustinermuseum in Freiburg, dem Bundesverband Museumspädagogik und dem Verein Blinde und Kunst. Die Initiative wurde über drei Jahre von der Staatsministerin für Kultur und Medien gefördert. Leitende Fragen der Initiatoren für den Austausch der Museen untereinander waren: Wie kann kulturelle Teilhabe im Sinne eines umfassenden Inklusionsbegriffs nachhaltig gelingen? Welche Rolle kann und will das Museum eigentlich in einer diversen Gesellschaft einnehmen? Ziel war schließlich die Entwicklung einer Matrix, eines modularen Vermittlungskonzepts zu inklusiver Bildung im Museum.

Was genau ist also im MKG im Rahmen der Initiative passiert? Für das MKG war das Projekt ein »gesunder Rahmen, um das anzugehen, wie eine Schutzhülle«, so Manuela van Rossem. Für die Führungsebenen ist nämlich meist das Argument einer Anbindung an ein großes Prestigeprojekt nötig, um mitzuziehen oder auch eine Carte blanche zu gewähren. Für die Projekte wurde professionelle Beratung hinzugeholt, etwa von der Lebenshilfe Hamburg oder von Mathias Knigge von grauwert. Büro für Inklusion & demografiefeste Lösungen.

Manuela und Friederike nahmen die aktuelle Ausstellung und Sammlungsneupräsentation des Museums zum Jugendstil zum Anlass, um drei nachhaltige inklusive Projekte zu realisieren. Zunächst wurde in Zusammenarbeit mit Keramikkünstler*innen ein mobiles Set mit unterschiedlich glasierten Keramiken zum Anfassen und Be-Greifen von Jugendstil-Glasuren entwickelt. Denn die Originale darf man nicht abtasten. Mit Hilfe von Lebenshilfe Hamburg entstand danach ein Begleitheft zum Jugendstil in Alltagssprache, das dauerhaft in der Ausstellung ausliegt und online barrierefrei verfügbar ist. Die Herausforderung bestand darin, eine allgemein verständliche Sprache anzuwenden, die nicht mit dem Label »Leichte Sprache« das breite Publikum verschreckt, sondern mit einer einfachen, aber essenziellen Erklärung des Jugendstils und seiner Akteure alle ansprechen und erreichen kann.

Das größte und aufwendigste Projekt zu Pilot Inklusion ist das ebenfalls barrierefreie Web-Journal »Bewegte Jahre – Auf den Spuren der Visionäre«. Die Idee ist genial: der Nutzer bewegt sich anhand des Tagebuchs des fiktiven Reporters Christian Heller auf den Spuren der Zeitzeugen des Jugendstils. Digitalisierte Exponate aus der Sammlung des MKG werden einbezogen. Heller skizziert nicht nur Hamburg um 1900, sondern reist auch nach Wien, Paris oder Glasgow, so dass am Ende ein vielfältiges, multimediales Puzzle aus Kunst und Kulturgeschichte entsteht und das europäische Netzwerk des Jugendstils greifbar macht. Blinden und sehbehinderten Menschen wird die Möglichkeit geboten, die Inhalte des Web-Journals durch ausführliche, auslesbare Bildbeschreibungen und eine tastaturbasierte Navigation zu entdecken. Die alternative Bildbeschreibung, die eigentlich für Blinde und Sehbehinderte gedacht ist, war während der Produktion auch für die beiden Vermittlerinnen fruchtbar – sie habe viel fürs Sehen und Hineindenken gebracht. Für Schulklassen ist das Webjournal übrigens geradezu ideal, das muss sich nur weiter herumsprechen.

Wichtig ist Manuela und Friederike, dass die inklusiven Angebote keine Konkurrenz zur kuratorischen Arbeit darstellen, sondern eine Ergänzung. Ist es nun gelungen, im Rahmen von Pilot Inklusion ein modulares Konzept zu entwickeln, das auch andere Häuser anwenden können? Konkrete Module sind nicht entstanden, sondern alle beteiligten Institutionen haben eigene Ansätze gefunden. An diesen können sich aber andere interessierte Institutionen orientieren. Es bleibt allerdings wie immer auch bei diesem Projekt ein Gap zwischen dem Anspruch und dem, was umgesetzt wird. Etwa bei Umbauprojekten wird Inklusion bei der Planung zunächst groß geschrieben, bei der Realisierung aber eine Minimallösung gefunden. In Museen fühlt sich oft keine Abteilung für Inklusion und Barrierefreiheit verantwortlich; die Zuständigkeiten werden hin- und hergeschoben. Für die meisten beginnt Barrierefreiheit beim Fahrstuhl und hört dort auch schon auf. Genuin im Vermittlungsbereich angesiedelt ist das Thema nicht, sondern sollte alle Ebenen von öffentlichen Einrichtungen angehen. In ihrem Blogbeitrag schreibt Angelika Schoder zu dem Thema: »Denn jedes Mitglied der Gesellschaft hat ein Recht darauf, am kulturellen Leben teilzuhaben. Hiervon profitieren letztendlich nicht nur Einzelne, da eine inklusive Kultur auch einen gesellschaftlichen Mehrwert für alle bedeuten kann. Und schließlich führt ein breiteres Publikum auch zu mehr Nachfrage nach kulturellen Angeboten – und damit können wiederum die Angebote weiter ausgebaut werden.« Es wäre also eine Win-win-Situation für alle.

Wie geht es mit dem Thema Inklusion am MKG weiter? Die drei beschriebenen Produkte werden weiterhin die ständige Jugendstil-Sammlung begleiten. Auch im Hubertus Wald Kinderreich gibt es inklusive Angebote, speziell für Kinder. Im betreuten Hands-On Bereich können auch Menschen mit Sehbehinderungen unterschiedlichste Formen und Materialien ertasten und sich darüber mit Designfragen auseinandersetzen. Für die Zusammenarbeit mit Schulen, auch im Bereich Inklusion, wünscht sich das MKG noch mehr gute Zusammenarbeit, die in die Breite geht und nicht nur eine einzige Schulklasse erreicht. Es ist beträchtlich, was an aufwendigen Vermittlungsprodukten mit guter Gestaltung und guten (in house geschriebenen!) Texten regelmäßig aus dieser kleinen Abteilung kommt. Aber auch das MKG hat begrenzte Ressourcen. Um solche Projekte regelmäßig realisieren zu können, fehlt das Entscheidende – Geld. Was sich Manuela und Friederike außerdem wünschen und was scheinbar so einfach und wofür das MKG geradezu prädestiniert ist: die kunstgewerblichen Exponate ganz barrierefrei anfassen lassen zu dürfen.

Jetzt müsste noch dieser Artikel hier barrierefrei sein und in verständlicher Sprache geschrieben…

Nana Kintz ist Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kulturellen Bildung in den Deichtorhallen Hamburg, daher liegt ihr das Thema Kunst- und Kulturvermittlung besonders am Herzen.