Andreas Fleischmann: Kultur ist Vielfalt – Was sonst?!

22.09.2017

Laut Duden ist Kultur die »Gesamtheit der […] geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen« einer menschlichen Gemeinschaft. Das ist eine sehr allgemeine Definition, macht aber den kreativen, aktiven und vielseitigen Charakter von Kultur deutlich. Kultur ist nicht nur Kunst, aber Kunst ist sicher der Teil von Kultur, der den Menschen den größten gestalterischen Freiraum bietet. Neue Impulse in die Gesellschaft tragen und aus alten Zusammenhängen neue Bedeutungsmuster weben, das sind Funktionen von Kunst. Dabei gilt: Umso vielfältiger der Nährboden, umso reicher ist der Ertrag.

Teds, Mods und Cosplayer

In der heutigen Zeit kann man sich in unserer Gesellschaft die Kunstart und damit auch die spezifische Gemeinschaft, in der man Kunst schafft, weitestgehend frei aussuchen. Die einen wollen Heavy Metal auf der E-Gitarre spielen, die anderen lieber einen Off-Beat mit dem Schlagzeug unter die Raps ihrer Freunde legen. Wieder andere zeichnen japanische Manga-Figuren oder malen die Graffitis aus den Straßen Brooklyns nach. Gerade für die Jugendlichen im digitalen Zeitalter ist diese Vielfalt selbstverständlich. Es gibt unzählige Jugend- und Subkulturen, die neu entstehen und auch wieder verschwinden. Welcher Jugendliche erinnert sich heute noch an Teds und Mods, die britischen Jugendkulturen der 50er und 60er Jahre? Im Gegenzug versteht kaum ein Erwachsener die komplexe Welt der Anime-Cosplayer. In den Großstädten Deutschlands existieren zahlreiche Kulturen nebeneinander und werden vielfach gefördert: von 300 Jahre alter Geigenmusik bis zu den Breakdance-Battles in den Jugendkulturzentren. Wie heißt es im Leitbild der Hamburger LAG Kinder- und Jugendkultur so kurz wie treffend: »Hamburg ist eine Stadt vieler Kulturen.« Die Multikulturalität unserer heutigen Gesellschaft ist eigentlich unstrittig, nur wie damit umzugehen ist, wird gerade wieder vor der Bundestagswahl kontrovers diskutiert. Aus der Perspektive eines Jugendkunsthauses kann ich nur sagen: Kulturelle Vielfalt ist in jeder Hinsicht zu begrüßen.

»Ja, wir sind alle Individuen!« (Das Leben des Brian)

Kultur ist Vielfalt – auf eine andere Idee würden wir in der Esche gar nicht kommen! Wie auch? Im Esche Jugendkunsthaus in Hamburg-Altona treffen sich jede Woche rund 200 Kinder und Jugendliche aus mannigfaltigen Zusammenhängen, alle bringen ihre ganz eigenen Hintergründe, Vorstellungen und Erfahrungen mit. Sie kommen von Stadtteilschulen, Gymnasien und Förderschulen. Manche leben seit ihrer Geburt in diesem Land, andere sind gerade erst hinzugekommen. Die einen finden ihren Ausdruck im Tanz, andere drücken sich mit ihrer Stimme oder auf dem Zeichenblock aus. Jeder und jede bringt sich nach seinen/ihren Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten ein. Die Konstellationen scheinen unendlich… Entsprechend vielfältig sind auch die Ergebnisse: In den Breakdance- und HipHop-Tanzkursen fließen verschiedene Musikstile und Tanzrichtungen ein. HipHop ist dafür ideal – ein Schmelztiegel der Kulturen. Im Gesangskurs müssen sich die Sängerinnen und Sänger immer wieder mit den unterschiedlichen Musikgeschmäckern auseinandersetzen. Singen wir jetzt das Lied von Ed Sheeran oder von Ariana Grande? Nicht nur in den Theaterkursen wird hitzig diskutiert, wie genau das Ergebnis am Ende aussehen soll.

Vielfalt als Voraussetzung

Die Esche versucht aktiv durch Vernetzung mit Jugendhilfe, Schulen und Kulturschaffenden, die Begegnung junger Menschen aller Schichten, Milieus und Herkünfte zu ermöglichen. Trotz aller kultureller und auch sozialer Unterschiede werden die Heranwachsenden gemeinsam aktiv und schaffen etwas Neues. Oder gerade auf Grund dieser Unterschiede? Die vielfältigen Einflüsse sorgen für eine besonders kreative Auseinandersetzung und individuelle Ergebnisse. Neues entsteht meist aus der Kombination oder Neuinterpretation von Altbekanntem. Wenn der Erfahrungs- und Wissensschatz der Prozessbeteiligten vielfältig ist, sind es zwangsläufig auch die Ergebnisse. Die Hausordnung ist der Grundkonsens, ansonsten sollen sich Ideen, Werte und Einstellungen in der Esche frei entfalten. Vielfalt ist damit nicht nur Teil des Konzepts unseres Jugendkunsthauses, sondern auch unabdingbare Voraussetzung in einem erfolgreichen künstlerischen Prozess. Die Kampagne »Kultur ist Vielfalt« der LAG Kinder- und Jugendkultur bringt für mich genau dies zum Ausdruck.

Andreas Fleischmann hat als Leiter den Aufbau des Jugendkunsthaus Esche von Beginn an begleitet. Seit Februar 2016 bietet die Esche Kreativkurse aller Art für Jugendliche ab der fünften Klasse an. Mittlerweile besuchen jede Woche rund 200 junge Menschen die kostenlosen Angebote. Als studierter Ethnologe, Soziologe und Philosoph sind für ihn Kunst und Kultur vielschichtige Begriffe, die in der Esche in ihren zahlreichen Facetten ausgefüllt werden sollen. Nach Stationen bei Amnesty International und dem bundesweiten Nachbarschaftsbündnis Netzwerk Nachbarschaft setzt er sich in der Esche dafür ein, Kinder und Jugendliche für die schönen Künste zu begeistern und ihre Talente zu fördern.